Der Hildesheimer Marktplatz: Neubau und Rekonstruktion
Zwischen Kriegsende 1945 und 1990 wurde der Hildesheimer Marktplatz zwei Mal vollständig neu gestaltet: einmal in der Zeit zwischen 1949 und 1963, ein zweites Mal in der Zeit zwischen 1979 und 1989.
Der Marktplatz war am 22. März 1945 fast vollständig zerstört worden. Es blieben einzig Teile des historischen Rathauses, die Fassade des so genannten Tempelhauses (heute Hildesheim Marketing) und der Rolandbrunnen stehen. Die Fassade des so genannten Rokokohauses (heute Van der Valk Hotel) an der Nordseite wurde kurz nach der Zerstörung wegen Baufälligkeit abgerissen. Von den hölzernen Fachwerkbauten blieben nach dem Brand vom März 1945 noch nicht einmal Ruinen, sie verschwanden spurlos.
Hildesheim war vor dem Zweiten Weltkrieg berühmt für seine historische Bausubstanz aus Holz, es galt als das „Nürnberg des Nordens“ mit dem Knochenhaueramtshaus als „schönstem Fachwerkhaus der Welt“. Im 19. Jahrhundert hatte u.a. der „Verein zur Erhaltung der Kunstdenkmäler“ bereits für einen geschichts- und traditionsbewussten Umgang mit historischen Fachwerkhäusern in Hildesheim gesorgt. Eingriffe, die die Einzug haltende Moderne forderte, standen dadurch einem wachsenden Bewusstsein für den Wert und die Bedeutung historischer Gebäude auch im Sinne eines aufkommenden Patriotismus gegenüber. In diesem Zusammenhang war auch das Knochenhaueramtshaus 1853 von der Stadtverwaltung erworben worden. Dank des Einsatzes u.a. von Hermann Roemer, dem Hildesheimer Bürger, Senator und schließlich auch Reichstagsabgeordneten, wurde es trotz Baufälligkeit nicht abgerissen. Nach dem Brand der Obergeschosse von 1884 wurden 1886 der Giebel rekonstruiert und 1910 noch einmal größere Umbauten vorgenommen.
Neugestaltung des Marktplatzes nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Gestaltung des gesamten Marktplatzes ebenso wie der einzelnen anliegenden Häuser nach 1945 wurde nicht nur in der lokalen Politik und der Bevölkerung diskutiert, sondern auch in bundesweiten Fachgremien. Hildesheim war eine bekannte Stadt, und der hiesige Aufbau wurde im Zusammenhang mit dem anderer Städte wie Frankfurt a.M. betrachtet.
Die Diskussion war angesiedelt zwischen einerseits Nostalgie und Trauer um Gewesenes und andererseits Aufbruchstimmung und dem Gestaltungswillen einer neuen Zukunft, vielleicht auch dem Bruch mit dem Vergangenen. Die Umgestaltungsprozesse in Hildesheim waren geprägt von emotionalen Stellungnahmen, von nicht umgesetzten Beschlüssen und der Wiederaufnahme von bereits abgeschlossenen Entscheidungsprozessen.
Die Debatten thematisierten die Größe des Platzes selbst, die Gestaltung der umliegenden Bebauung und schließlich den Umgang mit dem nicht mehr vorhandenen Knochenhaueramtshaus. Der Marktplatz war schon im 19. Jahrhundert als Verkehrshindernis wahrgenommen worden und schien nun, angesichts von zunehmendem Individualverkehr, vielen als zu klein. Ohnehin wollte man in der Stadt weitere Straßen und Plätze mit mehr Licht und Luft bauen. Auch das Rathaus brauchte mehr Platz, da die Verwaltung weiterhin am Markt bleiben sollte. Und an der Südseite des Marktplatzes, an der das Wedekindhaus, das Lüntzelhaus und das Rolandhaus gestanden hatten, wollte die Sparkasse repräsentative Gebäude errichten. Das Harlessem- („Tempel-“) Haus wurde vom Gerstenberg-Verlag gekauft und hinter der stehengebliebenen Fassade wieder aufgebaut.
1950 wurde – entgegen der Empfehlung aus einem vorangegangenen Wettbewerb – mit großer Mehrheit im Rat beschlossen und später in einem Volksentscheid bestätigt, den bisherigen Marktplatz zu vergrößern und die Fläche bis zur Jakobikirche nicht zu bebauen.
Hier entstanden Parkflächen, der Platz sollte die Möglichkeit für Versammlungen geben. An der Ostseite wurde zur Ergänzung des Rathauses ein flacher Arkadenbau als Verwaltungstrakt gebaut und für die Südseite entschied man sich an der Stelle des Wedekindhauses für einen Neubau nach dem Entwurf des Architekten Dietz Brandi, der bei dem o.g. Wettbewerb auf Platz 2 gekommen war. Dessen Entwurf musste allerdings abgewandelt ungesetzt werden, da der Neubau der Sparkasse bereits begonnen hatte und die Baufluchten des gesamten Platzes nicht wie von Brandi vorausgesetzt umgesetzt worden waren.
An der Stelle des Knochenhaueramtshauses sollte an zentraler Stelle ein Hotel errichtet werden. Mit dessen Ausführung wurde schließlich der renommierte Architekt Dieter Oesterlen (1911–1994) beauftragt, der nach 1945 zahlreiche Gebäude in Hannover und auch einige andere in Hildesheim neu gebaut hat. Hier entstand das Hotel Rose, ein hohes Gebäude mit einem anschließenden Seitentrakt, der sich an der Westseite des neuen Platzes fast bis zur Jakobikirche entlang zog und 1963 eröffnet wurde. Damit war die Bebauung des Marktplatzareals zunächst abgeschlossen.
Rekonstruktion des Marktplatzes nach historischem Vorbild
1979 begann eine erneute Diskussion um den Marktplatz. Die Sparkasse wollte sich vergrößern und auch das Hotel Rose war bereits baufällig geworden. Parallel gab es erste Bestrebungen, den weiter wachsenden Verkehr aus der Stadtmitte herauszuhalten und hier Ruhezonen für die Menschen einzurichten. Die moderne Architektur wurde als unwirtlich empfunden, der neue, große Platz erschien nicht wie einer, sondern wie zwei voneinander getrennte Plätze nebeneinander. Und v.a. wurden die Stimmen lauter, die das Knochenhaueramtshaus wieder aufbauen und den historischen Marktplatz in seinem alten, leider zerstörten Erscheinungsbild wieder herrichten wollten. Bereits 1970 war die Gesellschaft für den Aufbau des Knochenhaueramtshauses gegründet worden. Die Diskussion flammte im Zuge der Sparkassenerweiterung ab 1979 neu auf, ab 1982 noch intensiviert durch öffentliche Aufrufe und Meinungsbekundungen, und wurde ebenso leidenschaftlich und emotional geführt wie 30 Jahre zuvor, mit z.T. den gleichen Argumentationslinien.
Die Stadtsparkasse mit ihrer Neubauabsicht war abermals Auslöser der Diskussion. 1979 gab es wieder einen städtebaulichen Wettbewerb zur Gestaltung der Sparkassengebäude, dem in einem zweiten Anlauf eine Gesamtkonzeption zur Gestaltung des Marktplatzes in seinen ursprünglichen Dimensionen vorgegeben wurde. Nachdem der Rat der Stadt die Wiederherstellung der historischen Fassade des Wedekindhauses mit einer knappen Mehrheit empfohlen hatte und auch zahlreiche finanzstarke Sparkassenkunden sich für eine solche Rekonstruktion aussprachen, stimmte der Aufsichtsrat der Stadtsparkasse dieser Lösung zu. Die moderne Fassade des Architekten Brandi wurde abgerissen und eine historisch nachempfundene Fassade – angepasst an die Geschosse des bereits existierenden Rohbaus – vor dem Betonbau der Sparkasse montiert. Die Fassade des Rolandhauses wurde ebenfalls historisch nachgebaut, das dazwischen liegende Lüntzelhaus „angepasst“.
Die Entscheidung, den Marktplatz auf seine ursprüngliche Größe zu reduzieren, fiel 1983. Um eine Rekonstruktion des ganzen Marktplatzes möglich zu machen, wurde der gesamte Platz zu einem Denkmal erklärt und ein Bebauungsplan gemäß der historischen Bebauungslinien erstellt. Die neu zu bauende Nordbegrenzung sollte mit Fassaden nach historischem Vorbild ausgestattet werden, sobald dafür private Investoren gefunden waren. Das Hotel Rose, das an die Stelle des Knochenhaueramtshaus getreten war, wurde von der Stadt gekauft und abgerissen. Lediglich der flache Teil des Hotels, der sich am ehemaligen nördlichen Teil des Platzes entlang zog, blieb stehen und wurde von einem Schüler Oesterlens in das neue Ensemble eingefügt.
Das Knochenhaueramtshaus wurde als einziges Gebäude am Marktplatz tatsächlich in historischer Ständerbauweise als Fachwerkhaus und nach erhaltenen historischen Vorlagen rekonstruiert, ohne Verwendung von Metallverbindungen oder Schrauben. Nur ein Treppenhaus aus Beton wurde als Zugeständnis an moderne Brandschutzvorgaben eingezogen. Dass dies gelungen ist, ist eine fachliche Meisterleistung, die auch Erkenntnisse über das Bauen mit Holz und historische Holzbauten erbrachte und das Knochenhaueramtshaus auch in baugewerklichen Fachkreisen berühmt macht.
Sabine Boltzendahl
Literatur:
Bürgergemeinschaft Marktplatz Hildesheim mbH & Co. Kg; Gesellschaft für den Aufbau des Knochenhaueramtshauses e.V. (Hrsg.): Der Marktplatz zu Hildesheim. Dokumentation des Wiederaufbaus, Hildesheim 1989.
Kuhlenkampff, Thomas: Il Restauro della Marktplatz di Hildesheim: dal coinvolgimento civico alla realizzazione = Rekonstruktion und Denkmalpflege – der Hildesheimer Marktplatz. In: Esperienze europee negli interventi su contesti monumentali di rilievo. Atti del Primo Seminario internazionalee, Pavia Basilica di San Michele Maggiore 28-29 settembre 2016. Pavia 2017, S. 77–96.
Lesemann, Silke (Bearb.): Lebenserinnerungen von Oberbürgermeister Dr. Struckmann. Eine Quellenedition bearbeitet von Silke Lesemann (Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim Bd. 21), Hildesheim 1991.
Overesch, Manfred: Hildesheim 1945–2000. Neue Großstadt auf alten Mauern, Hildesheim 2006.
Schmidt, Werner: Der Hildesheimer Marktplatz seit 1945. Zwischen Expertenkultur und Bürgersinn (Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim Bd. 19), Hildesheim 1990.