Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen bis ins 20. Jahrhundert hinein zahlreiche Einrichtungen einer modernen öffentlichen Infrastruktur. Das ist vor allem auf die Industrialisierung zurückzuführen, die ab Mitte des 19. Jahrhundert auch in Hildesheim einzog:
Die Ansiedlung von Fabriken und der Zuzug von Menschen auf der Suche nach Arbeit sind als Motor der rasanten Entwicklung im 19. Jahrhundert zu nennen. Die ersten Fabriken, die sich um 1850 in Hildesheim ansiedelten, stellten Anforderungen an die Verkehrsanbindung und an die Energieversorgung: Der erste Bahnhof wurde 1846 eingeweiht, das Gaswerk folgte 1861. Das Elektrizitätswerk wurde, zusammen mit dem Straßenbahnnetz, vorrangig errichtet, um die Industrie mit Strom zu versorgen – und brachte auch der Bevölkerung elektrisches Licht und einen verbesserten öffentlichen Personennahverkehr.
Der Zuzug von Menschen in die Stadt, die dort Arbeit suchten und vielfach auch fanden, stieß ebenfalls weitreichende Veränderungen an. Wohnungsnot und drängende Enge erforderten einen geplanten und strukturierten Ausbau von Wohnraum. Die ersten Baugenossenschaften wurden gegründet. Um die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen in der wachsenden Stadt zu verhindern waren z.B. eine strukturierte Wasserversorgung und Kanalisation erforderlich. Neue Standards sorgten für eine verbesserte Krankenversorgung und die wachsende Bevölkerungszahl machte die Errichtung eines neuen, größeren Krankenhauses vor den Toren der Stadt notwendig, die die Stadt Hildesheim unter der Leitung von Stadtbaurat Gustav Schwartz realisierte.
Ein anderer wichtiger Grund für das Entstehen einer öffentlichen Infrastruktur war das zunehmende bürgerliche Selbstbewusstsein, das sich in wachsender kultureller und gesellschaftlicher Präsenz zeigte. Ein wichtiger Meilenstein war hier die Gründung des Museumsvereins durch Herrmann Roemer und Herrmann Adolf Lüntzel 1844, der kurz darauf die Eröffnung des Roemer-Museums, heute Roemer- und Pelizaeus-Museum, folgte. Auch die Entstehung von ersten Bibliotheken, später der Stadtbibliothek und nach der Jahrhundertwende auch der öffentlichen Volksbibliothek 1903 steht in diesen Zusammenhang ebenso wie die Eröffnung des Stadttheaters 1909.
Träger und Motor kultureller und bildungsorientierter Institutionen und Einrichtungen waren vielmals Vereine, über die es möglich war, an der gesellschaftlichen Gestaltung teilzuhaben. Dies geschah häufig in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und -regierung, z.T. auch in Personalunion. Auf diese Weise konnten z.B. kulturelle Bildungsprojekte effektiv ins Leben gerufen werden, die gleichzeitig auch die Ziele der Regierung verfolgten. Vereine übernahmen ab dem 19. Jahrhundert auch Aufgaben der Wohlfahrtspflege, der Volksbildung und zahlreicher anderer Bereiche und waren Ausdruck des (bürgerlichen) Bedürfnisses, die Freizeit nützlich für sich selbst oder andere zu verbringen. Hildesheimer Beispiele sind der Museumsverein („Verein für Kunde der Natur und der Kunst im Fürstenthume Hildesheim und in der Stadt Goslar“) oder der „Verein zur Erhaltung der Kunstdenkmäler“, der sich v.a. historischer Bausubstanz widmete. Beide hatten Senator Herrman Roemer als Gründungsmitglied. Es bildete sich die „Gesellschaft für Volksbildung“, der neben vielen bürgerlichen Vereinen auch Arbeitervereine als korporative Mitglieder angehörten.
Das Selbstverständnis und damit auch die Aufgaben der öffentlichen Hand veränderten sich angesichts der bedeutenden Umbrüche und Veränderungen im städtischen Leben Hildesheims. Die Linderung von Not und das Schaffen von erträglichen Lebensverhältnissen kam zunehmend in den Fokus der Stadtpolitik, gleichzeitig sollte die Stadt auch für wohlhabende Personen ein attraktiver Wohnort sein.
Eine der zentralen Personen bei der Gestaltung der Veränderungsprozesse und der neuen Infrastruktureinrichtungen der Stadt Hildesheim war Oberbürgermeister Gustav Struckmann. Er regierte die Stadt von 1875 bis 1909 und zählte selbst z.B. zu den Gründungsmitgliedern der „Ortsgruppe für Verbreitung von Volksbildung“ und gehörte dem „Verein zur Erhaltung der Kunstdenkmäler“ an.
Sabine Boltzendahl
Literatur